Ach Michel, mein Michel

Ja, ich höre mir gern mal alte Lieder und Weisen, eher Waisen?, an. Gern aus meiner Heimat Berlin.
Und immer wieder erschrecke ich, wenn ich feststelle, dass Lieder, abgespielt vom alten Grammophon, noch heute gültig sind. Sie sind aktueller denn je.

Und manchmal erweitere ich Texte mit meinen Gedanken – wie bei Otto Reutters “Der kranke Michel” von 1919, aus dem ich, im Jahre 2015, “Ach Michel, mein Michel” ersann…

Ach MichelAch Michel, mein Michel
von Hagen Ernst unter Textzeilenverwendung von Otto Reutter

Ach Michel, mein Michel,
wie tust du mir leid,
keine Wolle am Strumpf,
keine Faser am Kleid.
Aus Holz sind die Schuh’,
aus Papier ist dein Latz –
du bestehst ja aus lauter Ersatz. …

sang einst Otto Reutter vor über 100 Jahren,
er konnte wohl uns’re Zukunft erahnen.
Und wir können noch heute ein Lied davon singen,
denn heute ist – wie einst es war – in allen Dingen.

Die Bundesrepublik sieht sich als reich,
auch ohne Öl und ohne Scheich,
dass sie Millionen und Milliarden verschenkt,
während an den Tafeln das Volk sich gedrängt.

Die Bonzen kaufen, saufen unverdrossen,
Umweltschützer fahren Nobelkarossen
mit Kreditlast auf Arbeiter und deren Kinder
die Politik fordert, wir brauchen mehr Inder.

Ach Michel, mein Michel,
wie tust du mir leid,
keine Wolle am Strumpf,
keine Faser am Kleid.
Aus Holz sind die Schuh’,
aus Papier ist dein Latz –
du bestehst ja aus lauter Ersatz.

Das Volk wird nicht gefragt
das Volk sich keine Meinung wagt
und wenn, ja wenn, denn doch
kraucht es raus, aus seinem Loch

Dann ist es Nazi und sonst ein Schwein
dann kommt es nirgends mehr rein
Dann ist es böse und gemein
So, du Volk, so will doch keiner sein!

Der Originaltext, von 1919 – immerhin nach den schlimmen Kriegsjahren 1914-1918 entstanden – zum Vergleich hier ebenso erwähnt, sollte uns nicht nur eine Träne der Wange hinunterrollen. Vielmehr sollten wir uns fragen, was wir in fast 100 Jahren erschaffen, weiterentwickelt haben …

DER KRANKE MICHEL
Vor kurzer Zeit da hat ich
‘nen sonderbaren Traum.
Mir träumt ich war ein Doktor
und kam zum Warteraum.
Dort traf ich ein’ Patienten,
die Zipfelmütz am Ohr,
der saß am Ofen – wärmte sich,
weil ihm erbärmlich fror.
Im Mund hat er ne’ Pfeiffe,
gefüllt mit Eichenlaub,
ich sah’ ihn an – da fiel mir ein
“Das kann doch nicht der Michel sein” –
Den kenn’ ich doch seit 70 (1870),
Da war er blitz und blank
“Ja ich bin Michel” sprach er leis’,
“bin bloß ein bischen krank”.
“Was fehlt mir nur?” so frug er mich –
“Dir fehlt ja alles” sagte ich –
Ach Michel, mein Michel,
wie tust du mir leid,
keine Wolle am Strumpf,
keine Faser am Kleid.
Aus Holz sind die Schuh’,
aus Papier ist dein Latz –
du bestehst ja aus lauter Ersatz.

Nun laß’ dich untersuchen,
komm her zu mir ganz nah.
Trotz deiner vielen Räte,
stehst du recht ratlos da.
Ich sah’ ihm in die Augen
und sprach “Du blickst nicht klar,
obwohl du vor’nem Abgrund stehst,
siehst du nicht die Gefahr.
Du hast auch taube Ohren,
hörst nicht auf die Vernunft –
den Pesthauch der aus Rußland weht,
spürt deine Nase viel zu spät.
Dein Mund der ist geschwollen,
durch giftigen Genuß
die Lippen brennen – bist geküßt
das war ein Sparta-kus(s).
Und ach dein Herz – ich krieg ‘nen Schreck
das schlägt nicht mehr am RECHTEN Fleck.
Ach Michel, mein Michel,
du ließest es ziehn’,
dein Herz schlägt für Weimar
und nicht für Berlin.
Das Herz schlägt im Zentrum –
ich sag’s ohne Scherz,
drum merk dir – Berlin ist das Herz!

Nun ließ ich ihn zur Ader,
ich fand viel rotes Blut,
teils strömte unabhängig
ganz links die rote Flut.
Den Magen wollt’ ich leeren,
er sprach mit trüben Sinn;
“Da gibts nichts auszupumpen mehr –
ich hab’ ja doch nichts drinn.”
“Ich muß dich operieren” sagt ich,
da lächelt er
“Du kommst zu spät mit deinem Plan,
das haben Andere schon getan .”
Er zeigte mir sein Inn’res,
da rief ich voller Graus:
“Du bist zerrüttet und zerfleischt –
das hält kein Körper aus.”
Wollt’ opererieren den Unterleib,
doch du bist schon halb aufgeteilt.
Ach Michel, mein Michel
wie bist du so dünn
du hast ja die Schwindsucht,
du schwindest dahin.
Du wirst immer weniger, dein Ende ist nah’ –
bist bald überhaupt nicht mehr da.

Da zeigt er mir die Beine
und sprach “Die sind voll Kraft”
Ja sagt ich “gut erhält sich,
womit man ständig schafft.
Du schaffst nur noch mit den Beinen,
gehst ständig Schritt für Schritt,
machst jeden Umzug, jeden Streik
– jede Bewegung mit.
Doch deine Arme feiere,
drum schaff – dann kriegen sie Kraft,
der Arm der führt die Nahrung ein,
dann kann der Körper gut gedeih’n,
Laß’ nicht den Körper hungern,
schnell – denk an deine Pflicht,
leg’ nicht die Arme in den Schoß,
dahin gehörn sie nicht.
Ganz lässig-faul so stehst du da,
du hast die InFAULenzia.
Ach Michel, mein Michel
jetzt heißt es “geschafft”
gebrauch dein Arme und zeig’ deine Kraft.
Hier hast du 10 Mark und nun nütze die Stund’
und arbeit dich wieder gesund!”

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