Aischa

Gedankenverloren sitzt sie im heißen Schaumbad und versucht ihrer Welt zu entfliehen.
Die Kinder sind im Bett und der Ehemann nicht daheim, wie jeden Abend. Er ist mit Kollegen unterwegs, was immer das heißen mag, es ist ihr auch egal.
Die Strapazen und Erniedrigungen die diese Beziehung kostet sind kaum zu ertragen.
Verträumt versucht sie irgendwelche Gesichter auf den marmorierten Fliesen zu erkennen, ihren linken Fuß entspannt auf dem Badewannenrand liegend, gelingt es nun doch sich einigermaßen auszuruhen. Das heiße dampfende Badewasser, die Zigarette in der Hand verwandeln das kleine Badezimmer in eine Oase der Erholung, eine kleine Flucht aus dem Alltagstrott.
Sie schließt die Augen, die Entspannung von Geist und Seele setzt nun vollkommen ein. Vor ihrem inneren Auge sieht sie Bilder aus glücklicheren Tagen. Wie sie als kleines Mädchen Olivenöl, Brot und Tee mit ihrer Mutter vor dem elterlichen Haus genoss.
Spielend mit den Nachbarskindern unbeschwert und glücklich.
Ihren Schulweg der sie über eine im Frühling blühende Wiese führte, den kleinen Hund des Nachbarn der sie stets auf halben Weg begleitete und erst umkehrte wenn sie das Schulgebäude betrat.
Den geliebten viel zu früh verstorbenen Bruder den sie so sehr liebte und das ist auch der Moment indem sie ihre Augen öffnet.
Dieser Schmerz dieser Verlust, sie hat es nie überwunden.
Weinen kann sie aber schon lange nicht mehr, irgendwann versiegen Tränen.

Nachdem sie aus der Wanne steigt, sich abtrocknet, stellt sie sich nackt vor den Spiegel. “Schon wieder etwas abgenommen” denkt sie sich und greift zu der kleinen selbst genähten Schminktasche die ihr kleines Geheimnis ist, genauso wie die Cola, die Zigaretten und die Chips.
All diese Dinge sind gut versteckt unter den Kartoffeln die im Keller lagern und werden nur zweimal in der Woche rausgeholt.
Am Freitag und am Samstag bleibt ihr Mann immer länger weg und kommt erst gegen Mitternacht nach Hause, an den anderen Tagen nervt er sie schon gegen 22 Uhr.
“Da heute Freitag ist habe ich noch einiges an Zeit, es ist ja erst 21 Uhr 34” denkt sie sich und fröhlich setzt sie den Lippenstift an. Make Up und Kajalstift dürfen auch nicht fehlen.
Den verwaschenen Bademantel angezogen geht es ins Wohnzimmer.
Chips, Cola und Zigaretten hatte sie schon vor dem Bad zurechtgelegt.
Sie legt sich mehr als entspannt auf die Couch, holt tief Luft, greift nach der Fernbedienung die sonst fest mit der Hand ihres Mannes verschweißt scheint. Der Herr des Hauses ist immer noch nicht dahinter gekommen das jede Woche Zwei Filme in einer Online Videothek bestellt werden.
Grinsend und mit erhabenen Gefühl drückt sie die Bestelltaste.
90 Minuten in eine andere Welt abtauchen, die Sorgen einfach mal vergessen.
Was für die meisten Menschen nur ein Film ist für sie die Flucht in eine freie Welt, Urlaub für eine unterdrückte Seele.

23 Uhr 12, der Film und der kleine Ausflug in die Glückseligkeit neigt sich dem Ende.
Die Genuss Utensilien wieder unter den Kartoffeln im Keller verstaut begibt sie sich ins Bad. “Wie hübsch ich doch aussehe wenn ich mich zurecht mache”, grinsend wischt sie sich die Schminke vom Gesicht.
In der Küche spült sie noch das Cola Glas damit keine Rückstände zu finden sind.
Den Bademantel faltet sie ordentlich und legt ihn wieder in den Schrank um ihre Kleider anzuziehen die ihrem Mann gefallen.
Da sitzt Aischa nun auf ihren Gatten wartend, mit dem grün goldenen Buch in der Hand und der Burka an.

I. Plewa

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